Sylvia Michaelis
Sylvia Michaelis

Leseproben Prosa

Leo on tour

[…]
Die ersten Tage war Leo noch sehr scheu. Das gab sich glücklicherweise schnell und er fasste Vertrauen. Mein Bett teilte ich nun nicht mehr nur mit meiner Frau, sondern auch mit einem Kater. Genau das wollte ich eigentlich nie! Doch was tat man nicht alles als „Ersatzvater“?
Leo war von New York das Alleinsein gewohnt. Bei uns jedoch schwirrte durch den Schichtdienst häufig einer durchs Haus. Das schien ihm zu gefallen. Seine Neugier war geweckt. Im Grunde hätte er auch ein Mädchen sein können. Neugierige Männer sind ja wohl eher die Ausnahme, oder? 
Er folgte uns auf Schritt und Tritt, ließ sich schnurrend kraulen und verwöhnen.
Seinen Lieblingsplatz fand er auch recht schnell - ganz oben auf unserem Wohnzimmerschrank. Die Aussicht schien einmalig zu sein, denn hier lag er stundenlang. Mit langem Hals, immer auf der Lauer, konnte er die Vögel draußen im Baum beobachten.
Manchmal hatte ich Angst, er würde bei seinen Verrenkungen abstürzen. Dies blieb uns aber glücklicherweise erspart. 
Später hielt er dort oben, komplett zusammengerollt,  sogar seine Nickerchen. Dabei konnte man nur erahnen, wo vorn und wo hinten war.

Die Wochen vergingen. 

Inzwischen fühlte Leo sich heimisch bei uns. Nichts war mehr vor ihm sicher. Die Schnürsenkel wurden zerkaut, Schranktüren und Schubladen geöffnet, mit Plastiktüten gekämpft. Natürlich verloren diese immer!
Eines Tages kamen Handwerker in unsere Wohnung. Leo rannte mit nervös zuckendem Schwanz durch die Zimmer. Alle wurden angewiesen, sofort und immer jede Tür zu schließen. Trotzdem war der Kater plötzlich verschwunden. Alles Suchen half nicht. Dummerweise rief in diesem Moment meine Frau an. Ihr siebter Sinn? 
„Alles in Ordnung?“
Schwindeln konnte ich nicht, von daher sagte ich nur: „Komm erstmal nach Hause.“ Etwas Besseres fiel mir nicht ein.
Ich suchte weiter. Doch auch mein Rufen blieb erfolglos. Wie sollte ich bloß Anni und später auch Daniela erklären, dass Leo ausgebüchst war? So ein Mist! Ich fühlte mich hundeelend. […]
    

 

Die Weihnachtsfee
 
Es ist kalt, bitterkalt. Kleine Schneeflocken tanzen vom Himmel hernieder und legen sich wie ein weißes Tuch über die Erde. In den Fenstern strahlen Lichterbögen und Sterne um die Wette. Keine Frage - Weihnachten steht vor der Tür.
Auch die siebenjährige Marie zählt bereits ungeduldig die Tage bis zum Fest. "Mama, wann schmücken wir endlich unseren Baum? Und wann kommt Papa nach Hause?"
"Morgen, Marie. Und übermorgen ist Heiligabend", antwortet ihr die Mutter aus der Küche.
Im ganzen Haus duftet es nach Bratäpfeln und Lebkuchen. Doch Maries Gedanken sind schon beim Baum. Morgen also. Noch einmal schlafen.
Abends im Bett findet sie einfach keine Ruhe. Sie ist zu aufgeregt. Das blondgelockte Mädchen freut sich besonders darauf, die Weihnachtsfee auf die Spitze des Baumes zu stecken. Schließlich ist die Fee das Wichtigste und Schönste des Weihnachtsbaumes. Sie ist da, um die Wünsche der Kinder und natürlich auch der Eltern zu erfüllen. Bisher hat das immer wunderbar geklappt.
Das kleine Mädchen liebt Feen über alles. Die Geschichten aus ihren Büchern kennt sie bereits auswendig. Für Marie ist klar, die Feen leben unter uns.
Eine Fee, die Zahnfee, ist sogar schon bei ihr gewesen. An dem Abend, als ihr erster Zahn ausgefallen war, hatte das Mädchen ihn unter das Kopfkissen gelegt. Am Morgen dann hatte sie an dieser Stelle statt diesem tatsächlich einige Münzen gefunden.
Der Zauber der Feen fesselt Marie immer wieder aufs Neue - auch wenn andere sie dafür belächeln.
Erst spät an diesem Abend kommt Marie zur Ruhe und schläft endlich ein.

  "Mama, komm aufstehen. Wir wollen den Baum schmücken!"
Der Wecker zeigt gerade einmal 6 Uhr an. Maries Mutter, die heute ihren ersten freien Tag hat, ist von dem Weckdienst nicht begeistert.
"Marie, husch noch ein Weilchen in dein Bett. Lass mich noch ein wenig schlafen. Bitte!"
Widerwillig kriecht das Mädchen unter ihre kuschelige warme Decke. Doch schlafen kann sie nicht mehr. So schaut sie sich ihr großes Feenbuch mit der Feenkönigin, den Blumenfeen, den Meerjungfrauen, den Wichteln und Heinzelmännchen an.
Nach Maries Empfinden dauert es ewig, bis ihre Mama endlich aufsteht. Doch dann gibt es kein Halten mehr.
Waschen, Anziehen, Frühstück - blitzschnell ist das heute erledigt.
"Mama, holst du nun endlich die Tanne rein? Dann können wir gleich mit dem Schmücken beginnen." Vor lauter Aufregung leuchten Maries Wangen samtrot.
"Ich bin ja schon unterwegs, du kleine Antreiberin", antwortet ihre Mama lächelnd.
Das Mädchen wartet an der Haustür. Eisiger Wind pfeift um das Haus und auch Frau Holle ist weiter fleißig.
Endlich - die Mutter steht mit dem Baum vor der Tür.
"Puh, lass mich bloß schnell rein. Aber eigentlich soll es zu Weihnachten genau so sein. Hauptsache, Papa kommt pünktlich heim."
Maries Vater arbeitet in einem Krankenhaus in der großen Stadt, zwei Stunden entfernt.  Doch er hat versprochen, die Feiertage zu Hause zu sein. Das Mädchen vermisst oft ihren Papa, aber sie versteht inzwischen, dass es viele kranke Kinder gibt, denen er helfen muss, gesund zu werden. 
[...]

 


Mona - Aufregende Momente im Leben einer Katze
 
Vorsichtig beäuge ich meine neue Umgebung aus dem Katzenkörbchen und stelle meine Ohren auf. Wo bin ich?
Der Käfig ist nicht allzu groß. Das Futter habe ich bisher nicht angerührt, nur ein paar Schlückchen Wasser getrunken.
Alles ist mir fremd, ich fürchte mich.
Nebenan im Käfig spielen zwei weitere Hauskatzen miteinander. Sie scheinen sich wohl zu fühlen.
Mir dagegen steht der Sinn nicht nach Herumtollen.
Lasst mich einfach alle in Ruhe.
Gestern Morgen sah das ganz anders aus, da war meine Welt noch in Ordnung.
Ich möchte euch meine Geschichte erzählen.
 
"Mona, komm - es gibt Frühstück!", rief mein Frauchen Lisa. Lange ließ ich mich nicht bitten. Im Flur stolperte ich beinahe über die dort abgestellten Koffer. Wer lässt denn so was auch mitten in meinem Revier stehen? Na ja, ein Satz drüber und ich war bei meinem Fressnapf angelangt. Hmm, lecker!
Lisa hatte es heute eilig, sie drängelte.
"Komm, beeil dich, wir müssen los! Ich verpass sonst den Flieger. Ach ja, ich sollte heute zu ihrer Freundin Anne.  Nur für die Zeit, in der mein Frauchen verreist war - geschäftlich.
Anne war mir nicht fremd, wir besuchten sie regelmäßig. Im Gegensatz zu uns lebte sie auf dem Land, auf einem großen Bauernhof. An sich ganz nett, nur mit Rex, dem Schäferhund,    würde ich mich wohl nie so recht anfreunden. Er jagte und ärgerte mich ständig, auch wenn er es nicht böse meinte.
Lisa schnappte ihre Koffer und lief die acht Treppen keuchend hinunter. Ich sprang ihr hinterher. Vor der Haustür noch einmal sechs Stufen - da passierte es:
Lisa knickte so unglücklich mit dem Fuß um, konnte nicht mehr aufstehen.
"Oh Mist, ich muss doch nach Singapur!", schluchzte mein Frauchen unter Schmerzen. Noch ein Versuch, aber auch diesmal kam sie nicht auf die Beine. Eine ältere Passantin kam auf uns zu, um zu helfen. Doch es nützte nichts. Schließlich sah das auch Lisa ein. Sie kramte so ein komisches Ding aus der Tasche. Sie sagte, sie bräuchte einen Krankenwagen. Was das wohl war? Jedenfalls kam bald ein Mensch in weißer Kleidung. Meine empfindliche Nase juckte. Der Mann roch ganz anders als Lisa und sie erklärte mir, das wäre ein Doktor. Ich fauchte und sträubte den Schwanz. Doch er ignorierte mich und redete mit meinem Frauchen. Das Fußgelenk sei wahrscheinlich gebrochen.
Lisa streichelte  mich und meinte, sie müsse jetzt ins Krankenhaus. Da würde man sie wieder gesund machen. Was hatte das zu bedeuten? Ging Lisa weg und ließ mich hier allein? Mein Herz klopfte plötzlich ganz schnell.
Damit war klar, dass die Fahrt nicht zum Hof von Anne und anschließend zum Flughafen ginge, sondern ins Hospital. Lisa verlor nun völlig die Beherrschung. Tränen liefen wie kleine Rinnsale über ihre Wangen, sie schluchzte.
Mein Frauchen erklärte mir, dass sie versuchte, ihre Freundin Anne zu erreichen.
Doch ihre Stimme klang nun noch trauriger. Anne wollte wohl nicht an den kleinen Kasten gehen, mit dem man über weite Entfernungen sprechen kann.
Ich konnte hören, wie sie sagte, dass sie mich hier bei einer freundlichen Dame lassen müsste.
Sie bat Anne, mich hier abzuholen.  
[...]

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